Mittwoch, 5. August 2009

Mittwoch, der 5. August 2009 / Edit

17 TAGE EUROPA
(Charly Davidsons Sommerreise 2002)
Montag / 2002-08-05
Der zwölfte Tag / Zwei Nachträge - Teil 1
1772

Es war heute vor 230 Jahren, da nahmen sich Russland, Österreich und Preußen, jede dieser drei Nationen also, ein Stück von Polen. Zwei mal teilte man danach noch den „Polnischen Kuchen“ und durch diesen Landraub hörte der polnische Staat 1795 auf zu existieren. Aber weshalb kam es vor 230 Jahren so weit? Im Grunde war das ganz einfach: Das einst sehr große und zeitweise sogar sehr mächtige Polen hatte das Pech, in der Mitte des 18. Jahrhunderts genau zwischen zwei aufstrebenden Großmächten zu liegen. Russland und Preußen machten zu dieser Zeit erste Gehversuche in der großen Politik und da kam es den beiden gerade recht, dass Polen eine merkwürdige Art der Monarchie hatte: Das Wahlkönigtum. Immer mehr und immer neue Herren bewarben sich um Polens Thron und in der Adelsversammlung - Polen hatte kein Parlament - genügte eine einzige Gegenstimme um das Gremium zu lähmen. Zudem waren 10 % von Polens Bevölkerung adelig, so dass sich immer wieder ausreichedn Adelige fanden, die als Strohmänner für fremde Interessen ihr Veto einlegten.

So kam es dazu, daß der Adel sich weigerte, für ein polnisches Heer Steuern zu zahlen; Polen wurde neutral.

Diese Neutralität zwischen den Mühlsteinen Preußen und Russland lud zum Landraub geradezu ein. Am 05. August 1772 begann die Annexion. Russland nahm sich das polnische Littauen mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern, Österreich (als Garantiemacht) einige polnische Gebiete um Lemberg und Krakau mit 2,6 Millionen Einwohnern und Preußen, ausgelaugt von seinen Eroberungskriegen, Westpreußen mit 580.000 Einwohnern. Der alter Fritz betrieb anschließend die „Germanisierung“ Polens mit wenig Feingefühl, wollte schnell willfährige Untertanen und frische Soldaten haben.

Genau heute vor 230 Jahre erwachte in der Mehrheit des polnischen Volkes aufgrund der Dinge, die man erleben musste, erstmals der Wunsch nach einer eigenen und großen Nation. Es sollte aber erst bis 1918 dauern, bis der polnische Staat von Neuem entstand.


17 TAGE EUROPA
(Charly Davidsons Sommerreise 2002)
Montag / 2002-08-05
Der zwölfte Tag / Zwei Nachträge - Teil 2
GOODBYE NORMA JEANE

Am 05. August 1962 wurde in den USA der leblose Körper einer Frau aufgefunden, der fast schon ein öffentlicher Körper gewesen war, bis hin in die höchsten Regierungskreise. Sexgöttin nannte man sie, außen der Vamp und innen das ewige Kind, insgesamt gesehen: die wasserstoff-blonde Venus. Und trotzdem gewinnt man mit diesen Attributen nicht einen Zentimeter Land auf der „terra incognita“ dieser toten Frau.

War es Mord oder Selbstmord? Für beide Thesen schienen genügend Gründe vorzuliegen. Wurde sie erpresst, weil sie als fast noch Jugendliche in einem Pornofilm mitgespielt hat? War sie als Geliebte des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika nur ein Spielball oder schon zu einem Sicherheitsrisiko geworden? Oder aber war diese Göttin einfach nur latent unglücklich gewesen? Als Mensch, als Frau, als Schauspielerin?

Blond war sie jedenfalls nicht immer. Damals, in ihrem ersten Leben als Norma Jeane Baker, Jahrgang 1926, hatte sie ein sehr schönes Nussbraun als Haarfarbe. Mit 16 heiratete sie einen Flugzeugmechaniker, wohl um aus der Tristesse ihres Elternhauses zu fliehen. Später dann, als Star, heiratet sie noch zwei weitere Male und zwar einen amerikanischen Volkshelden des Baseball und einen berühmten Schriftsteller; immer ohne Glück in der Liebe zu haben. Wenigstens kümmerte sich der Baseball-Held und eine standesgemäße Beerdigung ... und heiratete auch niemals wieder.

Dem Wunsch eine große, beliebte Schauspielerin zu werden, folgt schon bald die Ernüchterung. Norma Jeane Baker erkennt wohl, daß sie dies als realer Mensch nicht schaffen wird. Also formt sie aus aus Normae Jean eine Kunstfigur namens Marilyn und übernimmt den Nachnamen ihrer Großmutter Della Mae Monroe. Auch die Haare ändert Marilyn und zwar von nussbraun in blond. Nun sollte es doch klappen, denn Männer bevorzugen nun mal blonde Frauen. Ihr Image folgt fortan der Haarfarbe: von artig und brav bis dumm-lasziv und erotisch.

Aber sie hat es nicht leicht, sieht sich gelegentlich sogar als Wanderpokal im Babel Hollywoods. Dennoch glaubt sie fest an ihr Glück. 1949, im letzten Film der Marx Brothers, hat sie neben Groucho Marx, der einen Detektiv spielt, ihre erste große Nebenrolle: eine verführerische Klientin. Und das Unfassbare tritt ein: Aus der Raupe Norma Jeane Baker wird in diesem Moment und fast über Nacht der glitzernde Star, „die“ Monroe. Dem „Asphalt Jungle“ und dem „Monkey Business“ folgen die legendären Filme, die jeder kennt, von „Niagara“ bis hin zu „The Misfits“ 1961. Und das im Grunde immer noch brave Mädchen spielt seine Rollen perfekt, macht die Männer massenhaft verrückt und die Hersteller von Wasserstoffsuperoxyd reich. Hollywood buhlt um die Frau, die man zuvor wie eine Bittstellerin abgewiesen hatte. Hinreißend spielt sie in Komödien, gibt all ihr Talent, wenn sie singt, ist das erste Playmate der ersten „Playboy“-Ausgabe.

Doch sie ist beileibe nicht so dumm, wie alle sie sehen. Marilyn will ins seriöse Fach, erzählt sie voller ehrlicher Naivität und alle lachen über ihren vermeintlich neuesten Scherz. Bald erscheint sie bei ihren Therapeuten nüchterner und pünktlicher als am Set ihrer Filme. Im Sommer 1962 erlebt sie dann eine Enttäuschung nach der anderen. Die Tragik beginnt im Mai, als sie „ihrem“ Präsidenten öffentlich ein Geburtstagsständchen singt, wie es die Welt noch nicht erlebt hat. Vor allem, wie sie singt und was sie dabei nicht singt ist das entscheidende. Kennedys Berater raten ihm ab: Diese Frau wird zu heiß für dich. Ein Schock! Schon wieder wurde sie sitzen gelassen, ausgenutzt, sexuell gebraucht und dann weggeworfen. Drei Monate später ist sie es dann, die ihr Leben weg wirft. Am 05. August 1962. Mit viel zu viel Schlaftabletten und Alkohol in ihrem schönen Körper.

„Goodbye Norma Jean ...“ sang einmal Elton John über eine Frau, die er persönlich so wenig kannte, daß er deren letztes 'e' im zweiten Vorname einfach vergaß. Und warum eigentlich nicht „Goodbye Marilyn“? Um alles noch schlimmer zu machen, änderte er diese Textzeile später auch noch für eine Frau um, die er persönlich kannte: „Goodbye Englands Rose...“. Dieser Betrug ändert aber nichts daran, daß Elton John „Candle in the wind“ für Marilyn geschrieben hatte: „Du lebtest Dein Leben wie eine Kerze im Wind ...“ - Und sie pustete dieses Licht niemals aus.

Weshalb sie es nicht getan hat, als noch Zeit dazu war? Man kann es nur erahnen. Vielleicht, weil sie sich dann wieder in Norma Jeane zurückverwandelt hätte. Und Norma Jeane, das wollte sie niemals wieder sein.

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